Einführung
Gotisch ist eine indoeuropäische (oder auch indogermanische) Sprache, verwandt mit den meisten europäischen und vor allem mit den germanischen Sprachen: Englisch, Deutsch, Niederländisch, Norwegisch, Schwedisch, Dänisch, Isländisch. Obwohl es einige spezifische Entwicklungen im Gotischen gibt, ist es dem rekonstruierten "Gemeingermanischen" recht ähnlich, aus dem sich alle diese Sprachen ableiten; die Kenntnis des Gotischen ist quasi unverzichtbar für ein Studium der germanischen Sprachen. Jemand, der eine germanische Sprache sprechen kann, wird eine große Anzahl an bekannten Worten in jedem gotischen Text finden. Das Vokabular des Gotischen wird für ihn sehr leicht zu erlernen sein.
Wie andere alte indoeuropäische Sprachen ist auch Gotisch eine flektierende, "synthetische" Sprache, in der die Endungen der Nomen und Verben eine große Rolle beim Verstehen der Bedeutung eines Satzes spielen; hier ist Gotisch näher an Latein und Griechisch als am Englischen oder Norwegischen.
Das gotische Nomen hat fünf Fälle: Nominativ, Akkusativ, Genitiv, Dativ und Vokativ (der dem Nominativ fast immer gleicht). Es gibt zwei Numeri, Singular (Einzahl) und Plural (Mehrzahl), sowie drei Geschlechter, Maskulinum, Femininum und Neutrum. Die Worte haben im Gotischen häufig das gleiche Geschlecht wie im Deutschen (ein Stein, stains, ist männlich; eine Stadt, baurgs, weiblich; ein Kind, barn, sächlich). Man kann an der Art der Deklination zudem leicht das GEschlecht bestimmen: wenn man zum Beispiel weiß, dass ein Stein stains heißt und der Plural stainos ist, kann man mit fast völliger Sicherheit sagen, dass es männlich sein muss.
Jedes Geschlecht kann auf verschiedene Arten dekliniert werden, die "stark" und "schwach" genannt werden und weitere Untergruppen haben.
I. Maskulinum
- stark
- a-Stamm (z.B. stains, "Stein")
- ja-Stamm
- Endung -jis (z.B. niþjis "Verwandter")
- Endung -eis (z.B. asneis "Diener")
- wa-Stamm (z.B. þius "Diener")
- ja-Stamm
- i-Stamm (z.B. gasts "Gast")
- u-Stamm (z.B. sunus "Sohn")
- a-Stamm (z.B. stains, "Stein")
- schwach (z.B. guma "Mann")
- andere
- r-Stamm (z.B. broþar "Bruder")
- nd-Stamm (z.B. frijonds "Freund")
- andere (z.B. reiks "Herrscher")
II. Femininum
- stark
- o-Stamm (z.B. razda "Sprache")
- jo-Stamm, Endung -i (z.B. mawi "Mädchen")
- i-Stamm (z.B. qens "Frau")
- u-Stamm (z.B. handus "Hand")wird genauso wie der maskuline u-Stamm dekliniert
- o-Stamm (z.B. razda "Sprache")
- schwach
- Endung -o (z.B. stairno "Stern")
- Endung -ei (z.B. aiþei "Mutter")
- andere
- r-Stamm (z.B. svistar "Schwester")
- andere (z.B. baurgs "Stadt")
III. Neutrum
- A. stark
- a-Stamm (z.B. barn "Kind")
- ja-Stamm (z.B. badi "Bett")
- wa-Stamm (z.B. triu "Holz")
- u-Stamm (z.B. faihu "Vieh")
- a-Stamm (z.B. barn "Kind")
- schwach (z.B. hairto "Herz")
- andere (z.B. fon "Feuer")
Dies sieht nach einem sehr großen Feld aus (und dabei werden einige Unregelmäßigkeiten ausgelassen), aber in Wirklichkeit sind die größten Unterschiede nur zwischen den starken und schwachen Deklinationen; in Gruppen und Geschlechtern gibt es starke Ähnlichkeiten, so dass man wirklich nicht jedesmal eine neue Deklination lernt, sondern nur die paar Fälle, in denen sie von der Norm abweicht. z.B. unterscheidet sich der männliche i-Stamm nur in drei Pluralfällen vom a-Stamm, und hier auch nur durch einen Vokal (die Endkonsonanten sind gleich). Weiterhin sind der a-Stamm von Maskulinum und Neutrum gleich, und so weiter.
Adjektive werden auch dekliniert, abhängig von Geschlecht, Numerus und Fall, und haben auch die germanische Unterscheidung zwischen "starken" und "schwachen" Formen (einige Adjektive sind nur stark, andere nur schwach, die meisten können beides sein, aber ziehen die schwache Form vor, wenn sie zusammen mit dem Artikel stehen); also muss man leider zwei Deklinationen für Adjektive lernen; zudem haben verschiedene Adjektive a-, ja-, i- und u-Stämme, genau wie Nomen! Allerdings gibt es nichts zu befürchten: sobald man die schwache Deklination der Nomen lernt, kennt man auch die schwache Deklination der Adjektive; sie ist die gleiche.
Verben werden auch gebeugt, aber glücklicherweise viel einfacher als zum Beispiel französische Verben. Es gibt zwei Arten, stark und schwach; die starken können in sieben unterschiedliche Gruppen und mehrere Untergruppen eingeteilt werden, doch grundlegend gibt es vier Teile, die man sich bei den starken Verben merken muss (Infinitiv, Präteritum singular, Präteritum Plural und Partizip der Vergangenheit), damit man jedes starke Verb konjugieren kann. Die Konjugation ist sehr regelmäßig, nicht wie im Deutschen oder Englischen. Die schwachen Verben sind hingegen etwas komplizierter. Es gibt vier verschiedene schwache Konjugationen, aber diese unterscheiden sich meist lediglich im Vokal vor dem Endkonsonanten. Es gibt auch einige andere Verben, die ein wenig seltsam konjugiert werden, vor allem die Modalverben (können, dürfen, müssen, sollen usw.), "sein" und "wollen", und ein paar andere.
Das Verb hat drei Personen, zwei Numera in der dritten Person und drei in der ersten und zweiten Person, wo man mittels eines Duals auch "uns beide" und "euch beide" ansprechen kann. Es gibt die beiden Tempora Präsens und Präteritum und die beiden Modi Indikativ und Konjunktiv, die in allen Personen und Numera konjugiert werden können; ein eher fragmentarisches System von Imperativ und Passiv (von dem es keine Vergangenheitsform gibt); einen Infinitiv, ein Partizip der Gegenwart, und ein Partizip der Vergangenheit. Die Partizipien werden wie Adjektive dekliniert.
Pronomen werden wie Nomen in fünf Fällen dekliniert und unterscheiden in der dritten Person ebenfalls zwischen den Geschlechtern. Die Deklination ist ein bisschen kompliziert, aber es gibt ein Set von Pronominalendungen (die sich zwar von den Nominalendungen unterscheidet, jedoch häufig gleichzeitig Adjektivendungen sind).
Präpositionen fordern bestimmte Fälle, meist Dativ oder Akkusativ, aber ab und zu auch den Genitiv; manchmal ist die Bedeutung unterschiedlich, abhängig vom Fall des folgenden Nomens (wie im Deutschen).
Einige Adverbien haben gotische Fallendungen, einige fossile indoeuropäische Endungen, und einige können überhaupt nicht bestimmt werden; man lernt sie am besten getrennt voneinander.
Obwohl es nicht so scheinen mag, ist Gotisch eine sehr einfache und durchsichtige Sprache: es ist nicht mit vielen Umlauten oder anderen Lautänderungen beladen; die Schreibweise ist ziemlich regelmäßig; und obwohl es Unregelmäßigkeiten gibt, sind diese im Großen und Ganzen einem sehr klaren Regelwerk unterlegen.
Gotische Laute
Wulfila unterschied folgende Laute mit Buchstaben in seinem Alphabet:
Konsonanten
| labial | dental | palatal | velar | labiovelar | |
| stimmlose Stopps | p | t | k | q | |
| stimmlose Frikative | f | þ, s | h | hv | |
| stimmhafte Stopps/Frikative | b | d, z | |||
| Nasale | m | n | |||
| Liquide | l, r | ||||
| Gleitlaute | j | w |
Die meisten dieser Buchstaben können fast genau so ausgesprochen werden, wie es im Deutschen üblich ist.
- q = wie qu in "Quark"; vgl. Gotisch qens "Ehefrau, Frau"
- þ = das stimmlose englische "th" in "thorn"; vgl. Gotisch þaurnus "Dorn"
- w = das englische "w" in "water"; vgl. Gotisch waurds "Wort"
- hv = ein stimmloses englisches "w", vor dem "w" hauchen. vgl. Gotisch hveila "Zeit, Jahreszeit, Stunde".
- z = stimmhaftes, weiches "s" wie in sinken; vgl. Gotisch diuza "Tiere"
- g in den Kombinationen gg, gk, gq (immer) und ggw (manchmal) entspricht es dem "ng"-Laut in "singen"; vgl. Gotisch figgrs "Finger" (gesprochen fing-grs) oder siggwan "singen" (gesprochen sing-gwan); drigkan "trinken" (dring-kan), sigqan "sinken" (sing-quan).
- h vor Vokalen ein wie gehauchtes h, vor Konsonanten der deutsche "ch"-Laut. vgl. Gotisch mahts "Macht".
- b und d können wie im Deutschen ausgesprochen werden; aber in einigen Fällen werden sie wie das w in "wahr" und das stimmhafte englische "th" ("then") ausgesprochen. Vermutlich zu Wortbeginn und vor Konsonanten die harte Variante und vor Vokalen die weichere. Hierauf deutet zum Beispiel das f bei hlaifs (Brot) mit dem Stamm "hlaib-" hin. Das gleiche lässt sich für das d finden, welches bei haubiþ (Kopf) mit dem Stamm "haubid-" zum þ wurde.
- g wurde in einigen Fällen wie der stimmhafte Frikativ "ch" (ich-Laut) gesprochen; die Bedingungen sind die gleichen wie für d/th und b/f und es trat gelegentlich im Wechsel mit h auf, jedoch nicht so regelmäßig wie die anderen Konsonanten.
- x, der griechische Buchstabe Chi, wird genutzt um den ersten Buchstaben in Xristus "Christus" und eine handvoll anderer Namen griechischer und hebräischer Herkunft zu schreiben, aber nirgendwo anders. Es wurde vermutlich wie ein k gesprochen.
Es gab wahrscheinlich alle möglichen regional bedingten Unterschiede in der Aussprache des Gotischen, aber da uns ein Gote fehlt, der hierfür ein Beispiel geben könnte, müssen wir wohl oder übel bei dem System von Wulfila bleiben.
Vokale
| kurz | i | aí | a | aú | u | |
| lang | ei | e: | a: | o: | u: | |
| Diphthonge | ái | áu | iu |
i ist ein kurzes i, a ist ein kurzes a, u ein kurzes u.
Im Gotischen wurde zwischen langen und kurzen Vokalen unterschieden (eine zeitliche Unterscheidung - die langen Vokale werden etwa doppelt so lange gesprochen wie die kurzen), aber nur beim Paar i-ei wurde diese Unterscheidung schriftlich realisiert. a: (ein langes a) war selten und erscheint vor allem vor einem h als Resultat einer ausgleichenden Verlängerung, bei der das alte -anh- zu -a:h- wurde, z.B. *fanhan "fangen" wurde fa:han. u: war nur ein wenig gebräuchlicher. e: und o: waren sehr gebräuchlich; sie wurden hinreichend durch e und o beschrieben, und es ist nicht zwingend notwendig sie mit einem Längenzeichen zu schreiben, aber dies wird häufig aus Klarheitsgründen getan.
ai und au bedürfen einer Anmerkung. In griechischen Lehnworten stehen sie für ein kurzes e und o. Diesen Klang hatten sie auch, mit Ausnahmen, im Gotischen, als Resultat einer Entwicklung des Ostgermanischen i und u vor einem r, h und hv, z.B. in airþai "Erde", waurms "Schlange".
Aber ai und au können auch Entwicklungen der gemeingermanischen Diphthonge ai und au sein (z.B. braiþs "breit", laufs "Blatt" (vgl. Laub). Diese können wie die entsprechenden deutschen Diphthonge gesprochen werden. Zu Wulfilas Zeiten wurden sie jedoch vermutlich den vorher genannten ai und au ähnlich gesprochen, nur länger, um sie somit von diesen zu unterscheiden. Von e und o unterschieden sie sich in der Qualität, e und o waren höher, "straffer". [ái ~ ä, áu ~ å]
Kurzes ai und au werden manchmal aí und aú geschrieben, langes ái und áu, um sie besser zu unterscheiden. Vor Vokalen (wie in saian "sähen"; trauan "trauen") werden sie wie lange Monophthonge gesprochen (ä, å) und nicht mit einem Akzent markiert.
Wenn die langen ai (ái) und au (áu) als Monophthonge gesprochen werden, hat Gotisch nur einen wahren Diphthong, iu, das mit Betonung auf dem i gesprochen wird und in der Übersetzung oft dem deutschen "ju" entspricht (vgl. iudaius "Jude").
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Vielen Dank an Uwe Kraemer für Hinweise zur Verbesserung dieser Einführung!